Gut sechs Monate sind es jetzt her, seitdem wir Ende November erstmals davon hörten, dass im chinesischen Wuhan Fälle einer bis dahin unbekannte Lungenkrankheit aufgetreten seien. Am 9. Januar berichteten die Behörden aus dem Reich der Mitte über den ersten Todesfall, der auf ein neues Corona-Virus – das die WHO seit Februar als Sars-CoV-2 bezeichnet – zurückzuführen sei.
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Von nun an überschlagen sich die Meldungen über und um Corona geradezu, und die weltweiten Aktivitäten, die Lungenkrankheit Covid-19 irgendwie in den Griff zu bekommen, beginnen anzulaufen. Am 27. Februar tagt erstmals ein durch die Bundesregierung eilends eingerichteter Krisenstab, am selben Tag verbietet die Schweiz "vorerst" alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern. Die Absage der Leipziger Buchmesse vier Tage später ist schliesslich der Auftakt, dass in den folgenden Tagen und Wochen erst Tausende von Veranstaltungen annulliert werden, ehe es ab Mitte März im vereinten Europa zu den ersten Einreiseverboten und Grenzschliessungen kommt und Land für Land damit beginnt, sein wirtschaftliches und gesellschaftliches Leben bis fast auf den Nullpunkt zurückzufahren. Nur noch einige systemrelevante Bereiche, allen voran das Gesundheitswesen, arbeiten unter Hochdruck. (Nebenbemerkung: Wir Baumschulen auch, Pflanzen ertragen keinen Lockdown.) Der Rest der Gesellschaft hält auf Abstand und lässt gefühlt Tausende von Corona Sondersendungen im Fernsehen über sich ergehen. Nüchterne Fakten zu einem weltweiten Gau, dessen Tragweite wohl keiner der heute lebenden Europäer bisher ertragen musste und mit weitreichenden Folgen, die wir heute noch kaum abschätzen können.
Vom Krisenmodus zurück ins Gartenleben
Corona hat die Klimakrise nur für einen Moment lang ausgeblendet, diesen ungezügelten Konsumrausch vieler Menschen lediglich kurzzeitig unterdrückt aber unseren angeborenen Selbsterhaltungstrieb immerhin wenigstens insofern befeuert, dass wir für eine gewisse Zeit die staatlich angeordneten Lebensbeschränkungen und Sanktionen respektiert und ohne grösseres Getöse umgesetzt haben. Wobei uns Gärtnern dieser menschenuntypische "Gehorsam" im Vergleich mit den balkon- und kleingartenlosen Städtern ja noch einigermassen leicht gemacht worden ist. Immerhin sind wir in der glücklichen und beneidenswerten Situation, trotz Corona über einen Rückzugsort im Grünen zu verfügen, wodurch wir mit der Quarantänesituation in wesentlich entschärfter Form umgehen konnten. Klar – ein paar Stunden im Acker wühlen, die im Herbst "vergessenen" Sträucher schneiden oder Bohnen und Kartoffeln legen, hilft bestimmt nicht bei drohender Arbeitslosigkeit, verzweifelten Anrufen vom vereinsamten Opa aus dem Pflegeheim oder der vielen anderen existenziellen Tragödien, mit denen Corona uns mitsamt der Familie monatelang in Dauerstress hält. Aber das kurzzeitige Herunterfahren gelingt auf dem eigenen Stückchen Natur vor dem Haus, auf der gepachteten Parzelle im Gartenverein und notfalls sogar auf dem Balkon der Stadtwohnung, in der schon tagelang die Kinder quengeln, weil die Kitas längst auf Notversorgung umgestellt haben. Gärtnern hilft in solch anstrengenden Krisenzeiten, sorgt für Entschleunigung und Ausgeglichenheit, lässt uns einige Momente wieder achtsam und auf uns selbst konzentriert sein. Zum Glück ist Frühling und so viel auf der grünen Oase zu tun, dass wir kaum wissen, wo wir beginnen sollen. Endlich wieder pflanzen… ach ja? Nur woher nehmen, wenn nicht stehlen?!

Bild: Sommerflieder alternifolia (Buddleja alternifolia) – mit überreichen, duftenden rosa Blüten und stark überhängendem Wuchs
Trotz Corona: Ausnahmezustand im Gartencenter
Gartenbesitzer sind eindeutig die Gewinner der Krise. Sportplätze, Fitnessstudios, Mode-Boutiquen und Kneipen sind geschlossen, da werden Hanteln und Biergläser eben mit Harken und Gartenscheren getauscht. Und da man mit Pflanzen ja sprechen soll, werden die frisch aus dem Boden spriessenden Lauchzwiebeln, Johannisbeersträucher und die letzten blühenden Frühlingsblumen einfach zu einem Ersatz für die ausgefallenen geselligen Runden im Freundeskreis. Allein die Jagd nach den Pflanzen glich in vielen Regionen einem zeitaufwendigen Abenteuer mit höchst ungewissem Ausgang. Während die bodenlosen Zwangsurlauber sich mit der Bevorratung von Klopapier, Mehl und Doseneintopf den Tag vertrieben, mutierten die Gartenfreunde in Grün zu Vollzeithamsterkäufern und schleppten Zuchtgänseblümchen und Vergissmeinnicht kistenweise aus den Bau- und Gartencentern nach Hause. Leider weiss man ja nicht, ob die gerade wieder geöffneten Heimwerkermärkte vielleicht doch irgendwann erneut geschlossen werden. Aber JA, wir haben das alles richtig gemacht, schliesslich war ja, nach einem Blick über den Nachbarzaun, auch unser Ehrgeizspiegel gestiegen, da doch jeder irgendwie buddelte, schippte und pflanzte. Und dennoch tönte es verzweifelt aus der Fachpresse:
Corona! Rettet die Gärtnereien!
Nicht nur, dass die vielen beliebten Pflanzenmärkte, die normalerweise im Frühjahr den Status eines gesellschaftlichen, regionalen Grossereignisses haben, abgesagt wurden, es mussten sogar die örtlichen Gärtnereien ihre Gewächshaustüren geschlossen halten. Wie sollte auch eine Garten-Baumschule bei dem dort herrschenden traditionellen Gedränge ihrer kauffreudigen Besucher für die in Zeiten von Corona notwendigen Abstände von Mensch zu Mensch garantieren können? Was die Kunden schützen sollte, entwickelt sich somit und gerade für kleinere Gärtnereien zu einer finanziellen Katastrophe. Ein Baumschulbesitzer – so ist im aktuellen Heft der "GartenFlora" zu lesen – schildert seine Situation während der Corona Krise wie folgt: "Das Bundesland Niedersachsen erlaubt uns nur einen kontaktlosen Abholservice, der Betrieb darf nicht betreten werden. Natürlich ersetzt ein Besuch unserer Homepage nicht das Einkaufserlebnis vor Ort – aber in den jetzigen Zeiten freuen wir uns über jede Onlinebestellung." Ein Kollege aus dem Erzgebirge beschreibt den behördlich angeordneten Dornröschenschlaf in seinem Pflanzenmarkt noch etwas drastischer: "…Wir sollten allerdings vielmehr das schätzen, was wir haben. Dazu gehören insbesondere Ihre Gärtner vor Ort. Sind die einmal verschwunden, rückt in den leeren Raum nichts mehr nach."
Bild: Heirloom-Tomate 'Indigo Blueberry' (Solanum lycopersicum) – die blau-schwarz-rote Tomate mit dem starken Wuchs
Corona und Lubera
Nicht übertrieben optimistisch diese Statements aus den beiden Gärtnereien, womit sich die Frage stellt, wie es in den letzten Wochen dieser Krisenzeit mit Corona um den Pflanzenverkauf bei Lubera bestellt war. Markus Kobelt unser Gründer und Züchter erklärt den Stand der Dinge und wie er mit seiner Mannschaft im ungleichen Kampf mit einem Virus abgeschnitten hat:
"Wir haben Corona von zwei Seiten erlebt: Im Grosshandel haben wir vor allem Ende März und Anfang April viel verloren, aber unser Online-Shop hatte die doppelten bis dreifachen Umsätze zu verzeichnen. Zwar haben wir über den Winter unsere Packstrassen in Deutschland und in der Schweiz mit Rollbahnen und neuer IT aufgerüstet, aber damit kamen wir trotzdem an die Grenzen des Möglichen. Zwischendrin war unsere Lieferzeit bei 3 Wochen, aktuell hat sie sich auf ca. 2 Wochen zurückgebildet, wobei der aktuell auszuliefernde Schub an Gemüsevorbestellungen das Bild etwas verfälscht (das sollte in einer Woche erledigt sein). Zum guten Glück haben wir bisher keine kranken Mitarbeiter, dennoch fühlt sich das angedrohte Tracing wie ein Damoklesschwert an: Was würden wir machen, wenn die halbe Belegschaft zu Hause bleiben müsste? Vielleicht kommen dann ja die Tracer zu uns, um die Pflanzen zu giessen? Noch ist also Corona für uns nicht ausgestanden."

Bild: Roseasy® 'Fontana Geysir – dauerblühende Beetrose mit kleinen, rosa-weissen halbgefüllten Blüten
Lockdown ins Ungewisse und was wir Gärtner daraus lernen (könnten)
Gärtnern in Zeiten von Corona ist sicherlich um vieles anders als noch vor einem Jahr und die derzeitig kaum überschaubaren gesundheitlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Pandemie sind längst nicht in trockenen Tüchern. Von einigen lieb gewonnenen Lebensgewohnheiten werden wir uns zumindest für eine gewisse Zeit trennen müssen. Die wirtschaftliche Wiederbelebung mit all ihren damit verbundenen Einschränkungen wird uns sicherlich über viele Jahre begleiten und bei der etwas in Vergessenheit geratenem Klimakrise ging es auch kaum einen einzigen Schritt vorwärts. Und über das Gesundheitssystem, der dringend erforderlichen Neuausrichtung des Sozialstaats, einer umfassenden und ökologiebetonten Umstrukturierung der Landwirtschaft wird, um nur einige Beispiele zu nennen, wird jetzt ebenfalls zu reden sein. Eine Unmenge fataler Folgen, die Corona uns hinterlässt, sind für die Mehrheit der Bevölkerung bereits jetzt deutlich wahrzunehmen. Sie verursachen bei einer Vielzahl der Menschen Unsicherheiten, Resignation und Zukunftsangst, was gerade in dieser schwierigen Zeit für eine zusätzliche Eskalation der ohnehin angespannten Lage führt. Was das jetzt mit Gärtnern zu tun hat? Unglaublich viel, kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, denn ein Garten war und ist derzeitig der beste Raum, um zur Ruhe zu kommen. Gärtnern machts möglich, dass eine eben noch da gewesene Abgespanntheit schwindet. Und die "Erdung" beginnt bereits mit dem Moment, in dem Sie den ersten Spatenstich für das neue Blumenbeet in Angriff nehmen oder sich die modrige Erde vom Unkraut zupfen aus den Händen klopfen (weil es gerade wegen Corona keine preisgünstigen Latexhandschuhe gibt). Jetzt, wo viele von uns im Frühling mehr Zeit haben als in den Jahren zuvor können wir unseren Drang nach steter Aktivität im Garten sogar etwas bremsen und fügen stattdessen eine Portion Lässigkeit hinzu. Das heisst nicht, nichts zu tun, aber eben das Richtige. Aber selbst nichts machen macht nichts. Passen Sie Umfang und Tempo bei der Gartenarbeit am besten Ihrer Stimmung an, nur dann macht Gärtnern richtig glücklich und wird nebenbei noch für allerlei Inspirationen sorgen, die sogar solche bedrohlichen Krisenlagen wie Corona ganz klein erscheinen lassen.
Selbstversorgung aus dem Garten, erst recht bei Corona
Gestatten Sie mir noch einen abschliessenden Gedanken zum naturnahen Gärtnern mit, aber gegen Corona: Bestimmt haben Sie es schon mal irgendwann vorher getan oder Ihnen schoss es nach dem letzten Gemüseeinkauf im Supermarkt beim Blick auf das Preisschild ganz spontan durch den Kopf: über eine Selbstversorgung mit Tomaten, Kohlrabi und Möhren sowie frischem Obst nachzudenken. Genau jetzt wäre eine gute Zeit dafür, Nägel mit Köpfen zu machen, IHREN privaten Selbstversorgergarten zu planen und vielleicht in den kommenden Wochen bereits mit ersten Anpflanzungen in die Tat umzusetzen.